Die Nibelungen haben Hochkonjunktur


Skizzen zur Ausstellungsarchitektur

Die in die Völkerwanderungszeit zurückreichende Sage inspiriert bis heute elitäre und populäre Bearbeitungen in allen Medien. Theater und Oper, Romane und Hörbücher, Comics und Internetseiten, Filme und Ausstellungen erzählen in immer neuen Variationen von den Taten des Drachentöters Siegfried, seiner Ermordung durch Hagen von Tronje und dem blutigen Gemetzel, mit dem Siegfrieds Witwe Kriemhild seinen Tod am Hofe des Hunnenkönigs Etzel rächt.

Schon die ersten schriftlichen Überlieferungen aus dem 13. Jahrhundert – das mittelhochdeutsche Nibelungenlied und die in Lied- und Prosaform aufgezeichneten skandinavischen Sagen – bieten jedoch alles andere als ein einheitliches Bild. Von Anfang an gibt es die Nibelungensage nur als uneinheitlichen Zusammenhang bestimmter Motive und Erzählstränge. Mal präsentiert sich der Stoff als kosmologisches Drama, dessen Verlauf Göttinnen und Götter, Zwerge und Alben mitbestimmen. Mal entfaltet sich die Handlung unter einem von Göttern und Geistern leeren Himmel: dem wüsten Abgrund metaphysischer Obdachlosigkeit. Kaltes politisches Kalkül trifft auf die Urgewalt menschlicher Leidenschaften, individuelles Liebesglück muss sich Vasallentreue und Familienehre unterordnen. Heidnische Riten und christliche Werte stehen unverbunden nebeneinander. Handlungsbrüche werden nicht gekittet.

Die Nibelungen haben Hochkonjunktur


Auf den Spuren der Nibelungen

Der radikalen Ungefügtheit des Stoffes stellt sich die Rezeptionsgeschichte auf zweierlei Weise. Entweder versucht sie zu glätten, zu homogenisieren und synthetisieren. Oder aber sie greift in konsequenter Einseitigkeit einzelne Motive, Themengruppen oder Handlungsgruppen aus dem Stoffrepertoire heraus. In jedem Fall bleiben die Nibelungen ungeschlachtes Fragment, großartig und unverständlich gleichermaßen.

Die Ausstellung versucht gar nicht, der wild wuchernden Stoffmenge und Vielgestaltigkeit der aus ihr generierten Varianten in Form einer einheitlichen großen Erzählung Herr zu werden. Sie resigniert aber auch nicht angesichts dieser Unübersichtlichkeit, sondern versucht, im Bild einer Ladenpassage ökonomische Prozesse – Handel und Gabentausch, Geldverkehr und Potlatsch – als die Gesetze so wild wuchernder Aneignungs- und Transformationsprozesse vorzuführen. Unterschiedliche Rezeptionszeugnisse werden in entsprechend unterschiedlichen Geschäften präsentiert: Außer einem Internetcafé finden sich in der Passage ein Immobilienmakler, eine Buchhandlung, Kammerspiele, eine Kunstgalerie, ein Reisebüro, eine Fantasy-Bar, ein Auktionshaus und ein Restelager. Als interaktive hands-on-Installation ermöglicht die Ausstellung den Besuchenden, die Rezeptionsgeschichte des Nibelungenstoffes nicht nur passiv nachzuvollziehen, sondern selbst aktiv weiterzuschreiben.